Alter ist etwas sehr Relatives. Mein Schwiegervater sagt zu mir mit seinen 93 Jahren gerne „Du junger Hüpfer“. Meine Gen-Z-Kollegen denken sich „Oh, die Alte wieder“, wenn ich ganz oldschool spontan anrufe; ohne die vorangehende Ankündigung „Ich stell uns mal einen Call ein“.
Aber sei’s drum. Das war so, das ist so, das wird so bleiben: Zwischen Alt und Jung gibt es Gräben, die sich nicht komplett zuschütten lassen. Auch nicht mit „Mehrgenerationenhäusern“, die ich für eine komplette Schnapsidee halte. Ja, ja, ja – früher gab es die. Aber nicht weil man das hip fand, sondern weil es nicht anders ging. Da hat die Omma nun mal auf die Kinder aufgepasst, weil Mutti auf dem Feld oder in der Fabrik schuften musste. KiTa, Ganztagesschule, Au Pair? Damals Fehlanzeige!
Dass Jung und Alt immer wieder freundliche Begegnungspunkte haben, vorübergehend gut und gerne Zeit miteinander verbringen, ist ja logo. Aber eben nicht zu viel. Die Jungen wollen das nicht und die Alten auch nicht. Das wurde mir wieder einmal bewusst, als mir eine Kollegin erzählte, sie sei am Wochenende auf einer „Baby Shower“-Party eingeladen. Das hat leider nichts mit den von mir so geschätzten Balea-Duschgels zu tun (Insider-Gag, den man nur versteht, wenn man bei mir im Programm war), sondern mit einer echten „Show“ – der Star auf der Bühne: eine werdende Mutti, die ihren fortgeschrittener Schwangerschaftsbauch präsentiert. „Das Fest wird zu Ehren einer werdenden Mutter abgehalten und soll ihr zeigen, wie sehr sich ihre Liebsten mit ihr über die Schwangerschaft und auf das Baby freuen. Dabei werden die zukünftigen Mamas mit leckerem Essen, Spielen und Geschenken verwöhnt.“ So steht es auf der Website des Babynahrungsmittelherstellers Hipp.
Da kommt doch Freude auf. Dabei gibt es vermutlich nur alkoholfreien Prosecco zu trinken und komische Sachen wie Quinoa-Acai-Bowls zu essen, weil die jungen Frauen von heute doch gegen so ziemlich alles allergisch sind, was lecker ist.
Aber es geht noch besser. Meine Kollegin war bei der Baby-Shower-Freundin nämlich Monate davor schon zur „Gender Reveal“-Party eingeladen.
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Genau, die hatte ich auch im Kopf. Von diesem Event-Format hatte ich bis dahin noch nie gehört. Es handelt sich dabei um Enthüllungs-Partys. Nein, nix Strip-Poker. Enthüllt wird das Geschlecht des künftigen Erdenbürgers:
Tatatata, Trommelwirbel, Tusch!
Ein Bohei, als hätte jemand die Phase III einer klinischen Studie für ein Alzheimer-Medikament erfolgreich beendet. Dass diese Partyform natürlich aus Trumpland über den Ozean geschwappt ist, muss ich sicherlich nicht extra erwähnen, oder?
Gut, heutzutage ist die Gender-Thematik natürlich interessanter als früher in den langweiligen Zeiten der Geschlechter-Binarität; aber trotzdem: Ist es ein so besonderes Verdienst, einen Jungen, ein Mädchen oder somebody in between gemacht zu haben? Und ganz schlimm finde ich die reaktivierte Farbsymbolik, die dort zum Tragen kommt und die man unter anderem auf der Website von Baby Belly nachlesen kann: Blaue Heidelbeer-Torte – Junge. Feminin abgestimmtes Konfetti in Altrosa – Mädchen … Autsch.
Meine Generation hat noch für die Gleichberechtigung gekämpft und für die Abschaffung der Gender-Signature-Colors. In den guten alten 80ern dominierten das düstere New-Wave-Schwarzgrau oder das fröhliche Popper-Gelb. Genderübergreifend. Unisex. Wir waren wirklich schon einmal weiter.
Das sind die Momente, in denen ich denke: Nein, bitte kein Mehrgenerationenhaus, bei dem mich die Nachbarn irgendwann zur Gender Reveal Party einladen. Und dann zum Baby-Shower-Event … und mir dann womöglich eine Baby-Sitting-Anfrage stellen. Nein danke. Da trinke ich doch lieber mit Menschen meiner Alters-Range einen Baileys … Denn soooo alt, wie Sie nach diesem Text vielleicht denken, bin ich gar nicht. Eierlikörchen war zu meiner Zeit auch schon out.