An Karfreitag darf das auch mal sein. Denn obwohl ich selbst nicht mehr kirchensteuerpflichtig bin, so ist mir a) als Ex-Protestantin die Bedeutung dieses Tages bewusst und b) unterstütze ich die Ideen des Christentums aus tiefster Überzeugung. Viele davon finden sich übrigens in unserem Grundgesetz.
Der Karfreitag war für Jesus und seine Anhänger ein wirklich schlechter Tag. Bemerkenswert finde ich aber auch, dass sich damals schon eine der verabscheuungswürdigsten menschlichen Eigenschaften zeigte. Sein Leidensweg – das sieht man auf den unzähligen Bildern, die es in Kirchen und Museen zu sehen gibt – wird nämlich von unzähligen Gaffern und Schaulustigen gesäumt.
Mit einer gesunden Neugier, für die ich selbst größte Sympathie hege, hat das nichts zu tun. Das ist schiere Sensationslust, die einen niedrigen Instinkt bedient: sich am Leid anderer zu ergötzen … eine Lust, die Menschen von jeher dazu getrieben hat, mit Erstaunen und mit Grauen gleichermaßen bei Hexenverbrennungen und Enthauptungen zuzusehen, bei Bierzelt- oder Wirtshausschlägereien, bei Stier-, Hahnen- oder Hundekämpfen und bei Verkehrsunfällen. Nicht selten wird aus dem bloßen Glotzer bei letzterem ein Täter. Wer der Feuerwehr oder dem Rettungsdienst den Weg zum Unfallopfer versperrt, kann sich schuldig machen: wegen unterlassener Hilfeleistung, Körperverletzung und im worst case der fahrlässigen Tötung. Ich weiß nicht, ob das laut Strafgesetzbuch justiziabel ist, aber ich fände es richtig.
In den letzten Tagen hat die Nation kollektiv um einen Buckelwal namens Timmy gebangt, der sich in den Weltmeeren verirrt hat und in der Ostsee gestrandet ist, wo er nicht überlebensfähig ist. Anfangs war ich wirklich berührt, wie empathisch die Spezies Mensch auch in diesen schweren Zeiten sein kann. Wir haben mit dieser faszinierenden, irregeleiteten Kreatur mitgelitten, mitgebangt, mitgefiebert. Wir haben gehofft, dass er den Weg in seine heimischen Gewässer findet und ihm dabei geholfen. Chapeau für die mecklenburg-vorpommersche Landesregierung, die in enger Zusammenarbeit mit Meeresbiologen aufwendige Maßnahmen eingeleitet hat, um dem orientierungslosen Timmy als Navigator zu dienen.
Und dann ist auf einmal alles gekippt … Immer mehr Schaulustige tummelten sich da, wo Timmy zu sehen war, die Einsatzkräfte mussten kostbare Energie darauf verschwenden, die Menschenmeute davon abzuhalten, das erschöpfte Tier nicht weiter in Stress zu versetzen. Das Mitgefühl mit einem jungen, verwirrten Buckelwal wurde zur Sensationsgier nach dem besten Bild, dem coolsten Video, dem „Ich war dabei!“. Das Drama dieses Walkampfes ums Überleben bediente zu schön die Währung, die heute zählt: das Clickbaiting.
Die erste Reihe, liebe Menschen, ist in Katatstrophensituationen das Letzte, wenn man nicht als Helfer eine konkrete Aufgabe hat. Merkt Euch das und bleibt weg, wenn ihr keinen weiteren Nutzen stiftet als blödsinnig auf verunfallte Menschen, brennende Scheunen, prügelnde Jugendliche oder einen sandbankgestrandeten Buckelwal zu starren. Auf gut Deutsch: Verpisst Euch … Ich schreibe das und weiß doch genau, dass es nichts ändert.
Wenn Jesus heute seinen Kreuz-Gang noch einmal antreten müsste, dann wäre das in kürzester Zeit ein Youtube-Hit, der so was von viral abginge. Dabei wüsste vermutlich nicht einmal die Hälfte der User, warum dieser Mann eigentlich ein Kreuz auf dem Rücken trägt, an das er dann genagelt wird.
P.S.: Der Shitstorm inklusive persönlichen Bedrohungen, der über den Umweltminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern und weitere Einsatzkräfte eingebrochen ist, nachdem klar war, dass Timmy nicht zu retten ist, macht mich fassungslos, auch wenn er eine logische Konsequenz ist: erst glotzen, dann draufhauen. Geht digital ja auch einfach. Die Hände werden trotzdem schmutzig und keiner kann sie in Unschuld waschen. Kleine Bibelkunde: Das hat schon einmal einer namens Pontius Pilatus versucht, vergebens, am Ende hat er den Karfreitag erst ermöglicht.