21. Februar – Die Reise-Freudig, Folge 1

Hallo, ich bin wieder da! Ich war nämlich weg und habe eine Studienreise gemacht, ein Proseminar in Kulturanthropologie, um genau zu sein. Bei dieser sozialwissenschaftlichen Disziplin erforscht man den Menschen in seiner kulturellen Umgebung, zu den praktizierten Methoden dieser Forschungsarbeit gehören unter anderem „teilnehmende Beobachtung und qualitative Interviews“. So steht es auf der Website der Georg-August-Universität Göttingen. Und die muss es wissen. Sie hat immerhin 40 Nobelpreisträger hervorgebracht.

Ich habe also teilnehmend beobachtet und qualitative Interviews geführt. Dabei habe ich viel gelernt und möchte meine geneigten Leserinnen und Leser an meinen Erlebnissen und Erkenntnissen teilhaben lassen – in leicht konsumierbaren Unterrichtseinheiten, einer Art Serie sozusagen. Das ist Folge 1 der ersten (und vermutlich letzten) Staffel von „Die Reise-Freudig“.

Ach so, ich habe noch gar nicht erwähnt, wohin ich studiengereist bin. In den Robinson Club am Roten Meer bei Hurghada. Das ist eine Touristenhochburg in Ägypten mit Unterkünften „von bis“ – der Robinson Club zählt zu den Einrichtungen auf höherem Niveau, preislich und ich glaube auch sonst. Im Flieger haben sich die Ausreiseweilligen ja „von bis“ gemischt und ich war erleichtert, dass man sich nach der Ankunft wieder auseinander dividiert hat. Unseren Robinson-Abhol-Van bestiegen wir nur zu dritt. Der Gatte, ich und ein junger Mann aus Erlangen, der etwas liebesbekümmert wirkte. Er sei zum Tauchen angereist, erzählte er. Ich glaube aber, dass er am Roten Meer einfach mal abtauchen wollte, um danach wieder an neuen Ufern aufzutauchen.

Zurück zum Robinson Club. Es war wirklich sehr angenehm. Und ja, ich würde es wieder tun. Meine Tagesplanung – lesen, sporteln, essen, schlafen und dann zurück auf Anfang – ist voll aufgegangen und on top konnte ich jede Menge kulturanthropologischer Feldforschung betreiben und die erwähnten teilnehmenden Beobachtungen menschlichen Verhaltens in all seiner Vielfalt anstellen. Qualitative Interviews habe ich auch geführt.

Es gab Interviews von minderer Qualität, die mit dem clubüblichen Smalltalk begannen und schnell endeten: „Waaaaas? Ihr wart noch nie hier? Also wir kommen jedes Jahr.“ „Kennt ihr schon den Club auf den Kapverden. Da müsst ihr hin.“ „Kommst du morgen auch zum Faszienyoga? Nein? Aber vielleicht sehen wir uns abends bei der Moon Salutation?“ Naja, und so weiter. Ich habe erfahren, dass im Club Jandia Playa das Sportangebot umfangreicher, im Esquinzo die Zimmer größer und in Kyllini Beach das Essen besser ist oder umgekehrt. Mir wurscht. Mir haben Sportangebot und Zimmergröße in dem Club, in dem ich war, völlig ausgereicht und das Essen fand ich grandios.  

Aber es gab auch die Interviews, die vom Small Talk auf einmal zu echten und guten Gesprächen mutierten, mit interessanten, klugen und lustigen Menschen. Nach einer Woche haben wir mit denen auch die Kontaktdaten ausgetauscht. Unter anderem mit einem Paar aus Luzern. Das liegt am Vierwaldstätter See. Dort ist es sehr schön. Ich finde, es ist wichtig, sich seine Urlaubsbekanntschaften nicht nur nach Intellekt und Sympathie, sondern auch nach deren geographischer Herkunft auszusuchen. Wer will denn schon jemanden in Braunlage im Harz, Gelsenkirchen oder Eisenhüttenstadt besuchen …

Eine andere bekanntschaftliche Neueroberung mit Datenaustausch bei der Verabschiedung kommt aus Solingen. Gut, das ist nun keine urbane Perle … Aber man soll den Tag nicht vor dem Abend loben und neue Kontakte nicht nach der Erstadresse abschreiben. Denn Team Solingen hat a) eine  Wohnung in meiner Lieblingsstadt Berlin und b) ein Ferienhaus in den Marken. Die liegen in Italien und sind fast so schön wie Luzern. Was will man mehr.

Übrigens: Sowohl mit den Schweizern als auch mit den Rheinländern hatten wir angenehme und anregende, heitere und horizonterweiternde  Tischgespräche … und deshalb werden sie es ganz bestimmt mit Humor nehmen, wenn sie diesen Text irgendwann lesen. Andernfalls gebe ich die Kontaktdaten zurück.