Kurzer Recap: Ich war zu einer kulturanthropologischen Bildungsreise im Robinson Club Soma Bay und berichte hier in Auszügen über meine Studienerkenntnisse.
„Autoverkäufer“, sagt mein Mann. „Eindeutig“. Ich bin anderer Meinung. Irgendetwas stimmt nicht. Ich glaube, es ist die Hautfarbe. Das ist nicht das normale Urlaubs-Braun – dieses Schokoladenbraun im Farbton Edelbitter, 90% Kakaoanteil. Das tragen fast alle hier im Club. Ich glaube, dass die meisten Gäste bei der Frage, was ein Melanom ist
- Ein bösartiger Hauttumor
- Ein kleinwüchsiger Melancholiker
- Die männliche Form von Melanie
b oder c ankreuzen würden.
Die vermeintlichen Autoverkäufer sind anders braun. Tiefbraun und das meine ich ganz wörtlich: Das Braun hat sich so tief in die Hautschichten gefräst, dass jeder Dermatologe blass werden würde. Die beiden sind quasi von der Sonne tätowiert. Und plötzlich weiß ich es:
„Solarien – sie haben ihr Geld mit Solarien gemacht! Geräte vertrieben, probiert, verliehen. Was weiß ich. Solarienmillionäre!“
Das muss dann schon lange her sein. Wo früher im Fitnessstudio lange Warteschlangen vor den UV-Strahlungs-Särgen standen, herrscht heute meist gähnende Leere. Künstliche Bräune ist out. In ist heutzutage dafür die Künstliche Intelligenz. Ich bin mir noch nicht sicher, ob das ein echter Fortschritt ist. Aber zurück zur Sache: Die Brownies sind am nächsten Tag leider abgereist und wir können nicht abschließend klären, womit sie ihr Urlaubsgeld verdient haben.
Das heitere Beruferaten ist bei uns festes Urlaubsvergnügen. In einem Robinson Club geht das besonders gut, weil man die Mitgäste meistens über einen etwas längeren Zeitpunkt sehr genau studieren und sich ein fundiertes Berufsbild machen kann: Man sieht sich morgens, mittags, abends beim Essen. In der Sauna. Im Wellfit-Bereich. Auf der Strandliege und an der Sundowner-Bar und bei der Schlagernacht. Und für die eigenen Beobachtungen kann man relativ leicht einen Faktencheck vornehmen. Denn im Robinson Club ist man sehr kommunikativ, abends zum Beispiel sitzt man nolens volens mit anderen Menschen zusammen, weil es Achter-Tische gibt. Zu zweit kann man sich nicht breit genug machen, um diese vollständig zu besetzen. Dafür lassen sich die vermuteten Berufe im Gespräch verifizieren.
- Unfallchirurg!
- Lehrer, Mathe und Physik!
- Immobilienmakler!
- Import-Export!
- Rechtsanwalt!
- Informatiker!
- Unternehmenserbe!
Das ist eine kleine Auswahl der Professionen, die wir zugeordnet haben. Aber es waren nicht alles Treffer. Der Unfallchirurg ist Phlebologe, der Mathelehrer unterrichtet Ethik und Religion (an einer Gesamtschule in Berlin-Neukölln, wobei er sicher viel Spaß hat) – aber da wir nicht völlig falsch lagen, haben wir uns jeweils einen halben Punkt gegeben. Der Immobilienmakler ist Versicherungsmakler, wofür ich großzügig auch einen halben Punkt verteilt habe. Der Gatte hat zwar gemäkelt, aber makeln ist makeln. Eine etwas sinistre Tätigkeit, egal ob es um Häuser oder Policen geht.
Mr. Import-Export ist Bankdirektor. Da beanspruchte der Gatte auch einen halben Punkt mit dem Argument, dass der eine wie der andere „auf absolute Gewinnmaximierung zulasten ihrer Kunden aus sei“. Aber das habe ich nicht gelten lassen. Ich mag meine Sparkasse.
Bei Rechtsanwalt, Informatiker und Unternehmenserbe lagen wir richtig. Drei volle Punkte. Wenigstens die sehen noch so aus, wie man es erwartet.
Pflegekräfte, Erzieher und -innen, Kulturschaffende, Sozialpädagogen, Ethnologen, Busfahrende und Bäckereifachverkaufspersonal haben wir nicht identifizieren können. Die gibt es in einem Robinson Club nicht, weil sie sich das nicht leisten können. Vielleicht ist die Gerechtigkeitsdebatte in Deutschland gar nicht so verkehrt.