Heute Morgen habe ich ein wenig mit der kleinen Alma von gegenüber geplaudert. Der Name wurde von der Redaktion – das bin übrigens ich – geändert.
Alma war gut gelaunt und erzählte mir freudestrahlend, dass sie schulfrei hat: „Heute ist nämlich Tag der Arbeit. Sag mal, warum heißt der denn so? Ich muss heute ja gar keine Hausarbeiten machen.“ Kinder stellen oft kluge Fragen.
Ich verkneife mir einen Vortrag darüber, dass es an diesem Tag ursprünglich um bessere Arbeitsbedingungen ging und auf Initiative der Gewerkschaften bei einem internationalen Arbeiterkongress in Paris 1890 beschlossen wurde, am 1. Mai für den Acht-Stunden-Tag zu streiken. Ich erspare ihr die wechselvolle Geschichte dieses 1. Mai bis in die Nachkriegszeit, in der die einstige DDR 1. Mai-Kundgebungen als Propaganda für die gepanzerte Faust der Arbeiterklasse genutzt hat, und der Deutsche Gewerkschaftsbund in der BRD in den 50er Jahren mit Plakaten auf die Straße ging, auf denen „Samstags gehört Papi mir“ stand.
Alma ist neun Jahre alt und ein kluges Kind. Aber ich glaube, das würde sie nicht verstehen. Schließlich gehören heutzutage die meisten Papis und Mamis (die arbeiten mittlerweile ja auch) samstags der Familie. Die Sechstage-Woche gilt für gerade mal rund 17 Prozent der Bevölkerung. Und der Acht-Stunden-Tag klingt in Zeiten der 35-Stunden-Woche, der Work-Life-Balance und der Sabbaticals nach brutaler Ausbeutung.
Alma wundert sich deshalb zu recht. Den Tag der Arbeit müsste man umbenennen, vielleicht in den
- Tag nach dem Tanz in den Mai
- Tag der Lifestyle-Vollzeit
- Tag für die Life-Life-Balance
- Tag der ersten Mai-Wanderung zum nächstgelegenen Gasthof
- Tag, der immer ein Frei-Tag ist
„Weißt Du“, sage ich zu Alma. „Feiertage verändern sich mit der Zeit. Irgendwann feiert man sie aus ganz anderen Gründen als ursprünglich gedacht. An Ostern hat man früher zum Beispiel daran erinnert, dass ein junger Mann namens Jesus nach einem langen tiefen Schlaf einfach so wieder auferstanden ist. Heute feiert man Ostern zu Ehren von Google. Deshalb darfst Du an diesem Tag etwas suchen.“
„Ah, von diesem Jesus habe ich schon gehört“, sagt Alma, „Der hatte doch am Heiligabend Geburtstag und weil er schon ganz lange tot ist, kriege ich jetzt immer die ganzen viele Geschenke, die er früher bekommen hat, oder?“
Ja, Alma, wahrscheinlich ist das so.